Der frühe Vogel schlägt mal wieder zu

Es ist nicht so wahnsinnig viel Wind angesagt für heute, über Mittag soll er ganz einschlafen. Also geht es früh los für uns, um so viel Strecke wie möglich zu machen, denn wir wollen nach Lübeck, besser gesagt: Travemünde.

Kurz nach sechs legen wir ab. Alles läuft ohne große Absprachen wie am Schnürchen, wir sind mittlerweile auch früh morgens gut eingespielt. Die Sonne kommt so langsam hervor und bringt etwas mit, was kein Segler mag: Nebel. Och nö, nicht schon wieder! Das braucht doch kein Mensch! Nicht so viel wie in Vitte, die Sichtweiten sind erheblich größer, aber unsere Beleuchtung machen wir trotzdem lieber an, man weiß ja nie. Mal gucken, wie es draußen aussieht. Etwas Wind ist ja, der sollte den Nebel eigentlich vertreiben. Umdrehen können wir immer noch.

Als wir das Fahrwasser von Großenbrode verlassen haben, macht sich auch der Nebel ziemlich bald vom Acker und wir können schön segeln. Sonne, leichter Wind, keine Welle, alles schick. Dazu gute Unterhaltung über Funk: Ein Skipper hatte krude Funksprüche ohne Adressaten abgesetzt und war dann von Trave Traffic dazu aufgefordert worden, doch mal bitte das Funkzeugnis zu erneuern 🙂 „In deutschen Gewässern ruft man über Funk zuerst den Angesprochenen und nennt dann sich selbst!“ Sehr unterhaltsam!

Auf Höhe des Lübeck-Gedser Weges dann die erste große Fähre, die an uns vorbei fährt. Lange Zeit denken wir, dass die Peilung zur Tom Sawyer gleich bleibt, aber wir dümpeln erstmal weiter mit unseren mittlerweile nur noch 1-2 kn Fahrt weiter und gucken was passiert. Als Segelboot sind wir auch gegenüber den großen Fähren nicht ausweichpflichtig, sondern müssen ganz im Gegenteil unseren Kurs beibehalten.

Per Funk hatte die Tom Sawyer sich frühzeitig bei Trave Traffic nach dem Wetter und insbesondere der Sicht erkundigt, denn auf Höhe der Tonne Lübeck-Gedser 2 war die Sicht wohl heute gleich Null. „Wenn das bei euch auch sone Suppe ist, brauch ich gleich nen Lotsen!“ „Nö, kein Problem, hier ist die Sicht gut, weit mehr als eine Meile Sicht.“ Da haben wir mit unserer Route wohl Glück gehabt heute!

Spannend war auch die Durchsage von Trave Traffic, die den Wind regelmäßig aus Nord-Nord-Ost durchgaben, der uns schön in die Trave reingeschoben hätte, anstatt wie in unserem Fall an der Windkante zu knabbern, weil draußen in der Lübecker Bucht dann doch ein Süd-Süd-West Wind herrschte.

Kurz nachdem die Tom Sawyer passiert hatte, traf dann das ein, was der Wetterbericht schon vorhergesagt hatte: spiegelglattes Wasser, Null Wind. Nun gut, wir wollen heute noch ankommen, also Motor an und die letzten 12 Meilen dann doch noch motort. Hilft ja alles nix, der Wind sollte erst gegen fünf wieder auffrischen, dann leider zu spät für uns. Bei unserem Zielhafen hatten wir dann die Qual der Wahl: Auf der Priwall-Seite im Passat-Hafen liegen und grundsätzlich auf die Fähre angewiesen sein, damit man nach Travemünde oder Lübeck kommen kann? Eher nicht. Auch wenn Thomas gerne in Erinnerungen an das Wasserwacht-Wochenende vor 22 Jahren schwelgen wollte. Vorne in der Trave liegen? Eher auch nicht, da kriegt man den ganzen Schwell und die Welle noch aus der Ostsee ab und hat die Passanten von der Promenade fast direkt auf dem Boot stehen.

Weiter rein im Fischereihafen? Eher auch nicht, denn dort ist früh am Morgen viel los, wenn die Fischer rausfahren und der Geruch ist sicher auch nicht ohne. Wir mögen Fisch, aber dauerhaft muss das auch unbedingt sein. Böbs-Werft oder Marina Baltica? Böbs hat die Stege nicht zur Trave hin offen, also liegt man dort geschützter, denn kurz hinter der Marina Baltica drehen die großen Skandinavien-Fähren und verursachen doch vermutlich einiges an Schwell.

Die Werft ist ziemlich voll, aber wir finden noch ein Plätzchen, an dem ein „Frei bis“ Schildchen steht. Teilweise sind die Plätze hier recht abenteuerlich anzufahren, ein weiterer freier Platz liegt in einer Ecke und zumindest wir hätten einige Probleme gehabt, dort rein, geschweige denn rauszukommen. Der Ausblick auf ein Küstenwache-Boot auf dem Trockendock ist zwar nicht unbedingt ein Traum, aber was soll’s, wir sind hier nicht wegen der Aussicht vom Boot, wir wollen uns ja Travemünde und Lübeck angucken.

Den ersten Teil erledigen wir dann direkt noch am Abend und drehen eine Rund durch den Ort und zum Strand. Am ältesten Leuchtturm Deutschlands kommen wir auch vorbei, der mittlerweile leider vom Maritim-Hotel den Blick zum Meer verdeckt hat.

Später abends dann in der Koje überlegen wir noch kurz, was das seltsame, unregelmäßige Knarzen wohl sein könnte und wie sicher das Boot der Küstenwache wohl im Dock steht. Ein kurzer Blick aus der Vorschiffsluke macht klar: wir werden zum einen nicht getroffen, wenn es umkippt, weil wir hinter dem Steuerstand liegen und zum anderen kommt das Knarzen vermutlich von den Dalben, die die Schwimmstege an Ort und Stelle halten und von denen wir einen genau gegenüberliegend vor unserer Nase haben.

Morgen dann schlafen wir ein bisschen aus (Hahaha, junge Eltern, die ausschlafen wollen 🙂 ) und gucken uns Lübeck an.

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